Target Costing: Definition, Aufgaben & Berechnung

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Target Costing: Definition, Aufgaben & Berechnung

Kein Unternehmen kann langfristig auf seinem Markt bestehen ohne Target Costing anzuwenden. Seit über 20 Jahren zählt das Zielkostenmanagement zu den wichtigsten Kalkulationsgrundlagen in Unternehmen aller Branchen. Die meisten Produkte werden heutzutage mithilfe von Target Costing entwickelt und produziert. Die Verknüpfung der Kostenplanung mit der Preisplanung und der Produktplanung erhöht die Erfolgschancen jedes Produkts.

Definition für den Begriff „Target Costing“

Bei Target Costing handelt es sich um eine marktorientierte Methode des Zielkostenmanagements, die meist in der frühen Phase der Produktentwicklung zur Anwendung kommt. Target Costing, im Deutschen oft als Zielkostenrechnung bezeichnet, ist die Kalkulation eines Produktpreises, der sich am maximal erzielbaren Marktpreis orientiert. Auf Grundlage des Preises, den ein Produkt sozusagen „kosten darf“, werden die maximalen Selbstkosten (die sogenannten Zielkosten) für die Produktion bestimmt.

Target Costing stellt somit einen grundsätzlich anderen Ansatz der Kostenrechnung und des Preismanagements dar als die klassischen Methoden. In Letzteren ergibt sich der Produktpreis aus den tatsächlich anfallenden Kosten plus einen vom Unternehmen angestrebten Gewinnzuschlag. Beim Target Costing wird der umgekehrte Weg beschritten. Ein Unternehmen stellt sich nicht die Frage, was es die Herstellung eines bestimmten Produkts kostet, sondern was die Herstellung dieses Produkts kosten darf.

Target Costing ist damit ein kunden- und kein unternehmensorientierter Kostenkalkulationsansatz. Vereinfacht gesagt bestimmt im Target Costing nicht das Unternehmen den Preis eines Produkts, sondern der Kunde. Auf Basis der vom Kunden gewünschten Funktionsmerkmale und der von Wettbewerbern aufgerufenen Preise von vergleichbaren Produkten ermittelt ein Unternehmen einen Produktpreis, den der Kunde maximal bereit ist zu bezahlen. Die Kosten für dieses Produkt haben sich am Preis zu orientieren und nicht umgekehrt der Preis an den Kosten.

Aufgaben des Target Costings

Target Costing ist ein Konzept zur Kostenplanung und -steuerung, mit dem sich im Lebenszyklus eines Produkts markt- und kundenorientierte Zielkosten planen, Kostentreiber identifizieren und Kosten beeinflussen lassen. Idealerweise wird Target Costing sehr frühzeitig im Produkterstellungsprozess angewendet, da in der Frühphase der Produktentwicklung der Handlungsspielraum hinsichtlich der Kosten am größten ist.

Die primäre Aufgabe des Target Costings ist es, eine umfassende Marktorientierung eines Unternehmens zu gewährleisten. Der Absatz der Produkte soll durch marktgerechte Preise, die im Wettbewerb bestehen können, gesichert werden. Zudem ermöglicht Target Costing, die Kosten für Produkte systematisch zu reduzieren und ebenso flexibel auf Markt- bzw. Preisveränderungen zu reagieren.

Historischer Hintergrund des Target Costings

Das Prinzip des Target Costings wurde in den 1960er-Jahren vom japanischen Automobilhersteller Toyota entwickelt. In den Folgejahren fand es Eingang in viele andere japanische Unternehmen. Wie viele andere in dieser Zeit in Japan entwickelte Managementmethoden verfolgt auch Target Costing das Ziel, die unnötige Verschwendung von Ressourcen weitestgehend zu vermeiden. In den 1980er-Jahren verbreitete sich die Idee des Target Costings weltweit und wurde zuerst von den Automobilherstellern in Europa und den USA aufgegriffen. Seit den 1990er-Jahren hat Target Costing auch ein theoretisches Fundament in der Betriebswirtschaftslehre und wird an allen Hochschulen gelehrt. Vor allem in sehr hart umkämpften Branchen stellt Target Costing einen unverzichtbaren Bestandteil des Kostenmanagements von Unternehmen dar.

Grundkonzept des Target Costings

Die Kernfrage des Target Costings ist: „Was darf das Produkt kosten?“. Wie bereits zuvor erwähnt, unterscheidet sich Target Costing damit grundsätzlich vom traditionellen Kostenmanagement, in dem die Frage „Was wird das Produkt kosten?“ im Zentrum steht.

Target Costing beantwortet die Frage nach den maximal zulässigen Kosten mittels einer retrograden Kalkulation. Am Anfang des Prozesses steht die Ermittlung eines wettbewerbsfähigen Marktpreises (engl. Target Price) auf Basis der Produktpräferenzen der potenziellen Kunden. Von diesem Target Price wird die vom Unternehmen angestrebte Gewinnmarge (eng. Target Profit) abgezogen. Die Differenz von Zielpreis und Zielgewinn ergibt die maximal erlaubten Kosten (engl. Allowable Costs).

Die Allowable Costs werden im nächsten Schritt den vom Unternehmen prognostizierten Standardkosten bei einer derzeitigen Fertigung (engl. Drifting Costs) gegenübergestellt. In aller Regel liegen die Allowable Costs über den Drifting Costs, sodass im Unternehmen ein Kostenreduktionsbedarf besteht. Ist die Differenz zwischen den erlaubten und den Standardkosten sehr groß, muss sich das Unternehmen die Frage stellen, ob die Herstellung des Produkts überhaupt wirtschaftlich sinnvoll ist. Entscheidet sich das Unternehmen für die Herstellung des Produkts, werden in einem nächsten Schritt Zielkosten für alle Prozesse und Abläufe definiert.

Die folgende Tabelle fasst noch einmal die einzelnen Schritte der retrograden Kostenkalkulation des Target Costings zusammen:

    Zielpreis (Target Price)
–   Zielgewinn (Target Profit)
=  zulässige Kosten (Allowable Costs)
–   Standardkosten (Drifting Costs)
=  Kostensenkungsbedarf

 

Eine Besonderheit des Target Costing Ansatzes liegt darin, dass die Kosten eines Produkts je nach den Präferenzen der Kunden gewichtet werden können. So kann Produktfunktionen, die eine hohe Bedeutung für die Kunden haben, ein höheres Gewicht in Bezug auf die Zielkostenermittlung beigemessen werden. Diese Gewichtung von Produkteigenschaften hat den Vorteil, dass das Unternehmen ggf. unbedeutende aber kostspielige Funktionen weglassen kann und sich primär auf wichtige Eigenschaften konzentriert.

Phasen beim Target Costing

In der betriebswirtschaftlichen Literatur finden sich verschiedene Ansätze zur Unterteilung der einzelnen Phasen der Zielkostenkalkulation. In der Praxis wird häufig ein dreistufiger Ansatz gewählt, der aus den Phasen Zielkostenfindung, Zielkostenspaltung und Zielkostenerreichung besteht.

Zielkostenfindung

In dieser ersten Phase werden die Gesamtkosten eines Produkts festgelegt. Mithilfe der Marktforschung ermittelt ein Unternehmen den Marktpreis des Produkts und legt den geplanten Verkaufspreis fest. Nach Abzug des angestrebten Gewinns ergeben sich die erlaubten Kosten, die wiederum mit den Standardkosten des Unternehmens abgeglichen werden. Eine bestehende Lücke zwischen den beiden Kosten muss durch Kostensenkungen geschlossen werden. In der Theorie existieren verschiedenen Verfahren zur Bestimmung der Zielkosten, wie zum Beispiel anhand von Markt- und Wettbewerbspreisen oder technischen Faktoren.

Zielkostenspaltung

In der zweiten Phase bricht das Unternehmen die Gesamtzielkosten auf die einzelnen Produktkomponenten bzw. Unternehmensfunktionen herunter. Die Ergebnisse dieser Kostenspaltung können graphisch anhand eines Zielkostenkontrolldiagramms abgebildet werden. Darin werden die kundenbewerteten Präferenzen den Standardkosten der einzelnen Produktkomponenten gegenübergestellt.

Der Prozess der Zielkostenspaltung ist von hoher Bedeutung für ein Unternehmen. Zum einen geben die auf die verschiedenen Unternehmensfunktionen verteilten Zielkosten ein realistisches Bild von deren ressourcenmäßiger Inanspruchnahme. Und zum anderen ist ein Unternehmen damit in der Lage, die Ressourcen der einzelnen Funktionen mit der kundenorientierten Bedeutung der einzelnen Produktfunktionen abzugleichen. Vereinfacht gesagt liegt das Ziel darin, dass jede einzelne Produktkomponente bzw. Unternehmensfunktion nur so viel kostet, wie sie unterm Strich zum Kundennutzen beiträgt.

Zielkostenerreichung

In der dritten Phase des Target Costings versucht ein Unternehmen, die beschlossenen Zielkosten in seiner Produktentwicklung und -produktion zu erreichen. Sofern ein Produkt noch nicht fertig entwickelt ist, müssen die einzelnen Komponenten so geändert bzw. neu entwickelt werden, dass die Kostenobergrenzen eingehalten werden können. Ist das Produkt bereits fertig entwickelt, muss die Produktion durch Optimierungsmaßnahmen sicherstellen, dass die Zielkosten erreicht werden. Neben technologischen und produkt- bzw. prozessbedingten Ansätzen, stehen einem Unternehmen auch organisatorischen Maßnahmen zur Zielkostenerreichung zur Verfügung.

Target Costing-Aufgabe mit Berechnung und Lösung

Ein Fahrradhersteller plant die Entwicklung eines neuen Fahrrads, das (vereinfacht) aus den vier Komponenten Rahmen, Räder, Bremsen und Gangschaltung besteht. Im Rahmen der Zielkostenfindung hat das Unternehmen einen Zielverkaufspreis von 1.000 Euro festgesetzt. Bei einer angestrebten Umsatzrendite von 20 Prozent belaufen sich die Zielkosten auf 800 Euro. Im Rahmen einer Kundenbefragung wurden die Kundenpräferenzen in Bezug auf vier Produkteigenschaften ermittelt. Diese ergab, dass die Kunden besonderen Wert auf die Qualität (40%), das Gewicht (30%), den Komfort (20%) und das Design (10%) Wert legen.

Im Zuge der Zielkostenspaltung hat das Unternehmen den Beitrag der vier Komponenten zur Erfüllung der vier Eigenschaften bestimmt.

Rahmen Räder Bremsen Gangschaltung
Qualität 30% 20% 20% 30%
Gewicht 60% 20% 10% 10%
Komfort 10% 30% 20% 40%
Design 50% 30% 10% 10%

 

Multipliziert mit der oben genannten Gewichtung des Kundennutzens pro Eigenschaft ergeben sich folgende Funktionsteilgewichte:

Rahmen Räder Bremsen Gangschaltung
Qualität 12% 8% 8% 12%
Gewicht 18% 6% 3% 3%
Komfort 2% 6% 4% 8%
Design 5% 3% 1% 1%
Summe 37% 23% 16% 24%

 

Auf Basis der Zielgesamtkosten von 800 Euro können die Zielkosten pro Komponente bestimmt werden:

Rahmen Räder Bremsen Gangschaltung
Kostenanteil € 296 € 184 € 128 € 192 €

 

Die Vorkalkulation des Fahrrads hat Standardkosten von 900 Euro ergeben, die sich wie folgt auf die einzelnen Komponenten verteilen.

Rahmen Räder Bremsen Gangschaltung
Kostenanteil % 40% 25% 15% 20%
Kostenanteil € 360 € 225 € 135 € 180 €

 

Durch die Gegenüberstellung der Ziel- und der Standardkosten kann mittels Division der sogenannte Zielkostenindex errechnet werden.

Rahmen Räder Bremsen Gangschaltung
Zielkosten 296 € 184 € 128 € 192 €
Standardkosten 360 € 225 € 135 € 180 €
Zielkostenindex 0,82 0,82 0,95 1,07

 

Bei einem Zielkostenindex unter 1 müssen die Kosten für die jeweilige Komponente gesenkt werden, wie im vorliegenden Beispiel beim Rahmen, den Rädern und den Bremsen. Beträgt der Zielkostenindex 1 entsprechen die Zielkosten exakt den Standardkosten. Liegt der Zielkostenindex über 1 hat die jeweilige Komponente (die Gangschaltung) vergleichsweise niedrige Kosten.