Kalkulatorische Zinsen: Definition, Berechnung & Beispiele

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Kalkulatorische Zinsen: Definition, Berechnung & Beispiele

Zinsen sind die Vergütung für die Hingabe von Kapital. Sie sind also in der Regel liquiditätswirksam – es erfolgt eine Auszahlung vom Bankkonto. Doch nicht jedes Kapital wird tatsächlich verzinst. So stellt der Unternehmer sein Eigenkapital zinslos zur Verfügung. Es empfiehlt sich jedoch, dennoch eine Verzinsung für dieses Kapital zu berücksichtigen, zum Beispiel in der Kosten- und Leistungsrechnung (KLR) – der Betriebswirtschaftler spricht hier von kalkulatorischen Zinsen.

Die Definition des Begriffs „Kalkulatorische Zinsen“

Kalkulatorische Zinsen sind fiktive Kosten für das betriebsnotwendige Kapital, das in den Vermögenswerten eines Unternehmens gebunden ist. Dabei entstehen tatsächlich zu zahlende Zinsen für das Fremdkapital, für das Eigenkapital werden Zinsen nur kalkulatorisch ermittelt. Viele Unternehmen rechnen aus Vereinfachungsgründen mit einem einheitlichen Wert für die Verzinsung des Gesamtkapitals, den sie für die Kostenrechnung nutzen. So wird etwa der Selbstkostenpreis nicht durch die Art der Finanzierung oder durch wechselnde Zinssätze beeinflusst.

Die Kalkulation von Selbstkosten mit Zinsanteil

Zinsen, ob tatsächlich angefallen oder kalkulatorisch, sind Teil der Gemeinkosten eines Artikels oder einer Leistung, denn sie können den einzelnen Leistungseinheiten nicht direkt zugeordnet werden. Vereinfacht sieht ein Kalkulationsschema so aus:

Materialkosten
+ Fertigungskosten
+ Verwaltungsgemeinkosten (einschließlich Zinsen)
+ Vertriebsgemeinkosten
= Selbstkosten

Jeder Unternehmer ist auch ein Investor – er erwartet für sein eingesetztes Kapital eine bestimmte Rendite. Schließlich hätte er sein Geld auch woanders anlegen können und dafür eine angemessene Verzinsung erhalten. Nur wenn sie in der Preiskalkulation auch mit berücksichtigt werden, können diese Zinsen auch „mitverdient“ werden.

Kalkulation mit Berücksichtigung der gezahlten Zinsen für Fremdkapital je Einheit mit Berücksichtigung der gezahlten Zinsen für Fremdkapital + der kalkulatorischen Zinsen je Einheit mit Berücksichtigung der kalkulatorischen Zinsen insgesamt je Einheit
Materialkosten 100 € 100 € 100 €
Fertigungskosten 80 € 80 € 80 €
Verwaltungsgemeinkosten, ohne Zinsen 50 € 50 € 50 €
Verwaltungsgemeinkosten, Zinsen für Kapital durchschnittlicher Zinssatz: 5% = 5 € durchschnittlicher Zinssatz für Fremdkapital: 5% = 5 € + kalkulatorische Zinsen für Eigenkapital: 6% = 3 € kalkulatorischer Zinssatz für Gesamtkapital: 5,5% = 7 €
Vertriebsgemeinkosten 10 € 10 € 10 €
Summe Selbstkosten 245 € 248 € 247 €

Warum werden kalkulatorische Kosten berücksichtigt?

Eine betriebswirtschaftliche Sicht auf die Erlöse und Kosten innerhalb eines Betriebes darf sich nicht auf die verbuchten Beträge des externen Rechnungswesens beschränken. In der (handelsrechtlichen) Bilanzierung mit ihrer Gewinn- und Verlustrechnung wirken sich kalkulatorischen Kosten nicht aus. Hierzu zählen neben den Zinsen auch der Unternehmerlohn (bei einer Personengesellschaft) sowie bestimmte Pachten oder weitere Abschreibungen und Wagnisse. Eine große Rolle spielen sie in der Kosten- und Leistungsrechnung, dem internen Rechnungswesen der Unternehmung. Hier werden die Preise auf Grundlage aller Kosten kalkuliert, die mindestens am Markt erzielt werden müssen, um wirtschaftlich überleben zu können. Mit Berücksichtigung kalkulatorischer Kosten werden Zeit- und Betriebsvergleiche realistischer, die als Grundlage für unternehmerische Entscheidungen benötigt werden.

Kalkulatorische Zinsen sind Zusatzkosten

Kalkulatorisch zu berücksichtigende Zinsen gehören zu den Anderskosten in der Kosten- und Leistungsrechnung. Verbucht werden Zinsen in der Finanzbuchhaltung bereits für das Fremdkapital. In der KLR jedoch werden sie mit einem anderen Wert (daher der Begriff Anderskosten) verarbeitet, denn hier wird auch die Verzinsung des Eigenkapitals einberechnet. Ebenfalls in diese Kategorie fallen kalkulatorische Abschreibungen. Eine kalkulatorische Miete wird dagegen zusätzlich eingebucht und daher in der KLR als Zusatzkosten bezeichnet, wenn das Unternehmen als Eigentümer Gebäude und Grundstück nutzt.

Die Berechnung kalkulatorischer Zinsen

Für die Kosten- und Leistungsrechnung können verschiedene Methoden zur Ermittlung der kalkulatorischen Zinsen genutzt werden:

1. Zinsansatz entsprechend der üblichen Marktzinsen für Fremdkapital

Hier unterstellst du, dass dein selbst eingesetztes Kapital ebenso verzinst wird wie der Durchschnitt deiner Kredite von anderen Investoren.

2. Verzinsung mit der erwarteten Eigenkapitalrendite

Unternehmer bringen eigene Mittel in den Betrieb ein, um mehr Zinsen als bei der Bank zu erhalten. Diese Verzinsung entspricht der Eigenkapitalrendite. Die Formel dafür lautet:

Eigenkapital * 100 / Umsatz der Periode = Eigenkapitalrendite

In der Regel erwarten Geldgeber für das größere Risiko, das sie bei einer Investition in das Unternehmen eingehen, eine höhere Rendite als bei einer Geldanlage bei der Bank. Daher kann in der Kosten- und Leistungsrechnung durchaus dieser erwartete Zinssatz berücksichtigt werden.

3. Fiktive Verzinsung des betriebsnotwendigen Kapitals

Eine realistische Ermittlung des für die Preiskalkulation notwendigen Zinsbetrages wird durch die Verzinsung des Vermögens erreicht, das für die Leistungserstellung tatsächlich erforderlich ist. Grundlage ist der marktübliche Zins, also der, den ein Kreditinstitut für ein vergleichbares Darlehen verlangen würde. Die Formel dafür:

Betriebsnotwendiges Kapital * Marktzins = kalkulatorische Zinsen

Den ermittelten Wert kannst du dann auf jedes Stück bzw. jede produzierte oder geleistete Einheit umschlagen.

Notwendig ist hierzu natürlich als erstes die Ermittlung des betriebsnotwendigen Kapitals. Dafür musst du von der Aktivseite der Bilanz (deinem Vermögen) die Werte herausrechnen, die du für den betrieblichen Leistungsprozess eigentlich gar nicht benötigst. Beispiele dafür sind Wertpapiere, Beteiligungen oder stillgelegte Maschinen. Auch Abzugskapital ist zu subtrahieren, denn dieses Kapital wird nicht verzinst (erhaltene Anzahlungen von Kunden, Rückstellungen, Lieferantenkredite). Wie das betriebsnotwendige Kapital ermittelt werden kann, zeigt dieses Beispiel:

Aus den Bilanzen der Müller Maschinenfabrik

Bilanzwert Betriebsnotwendiges Kapital
Anlagevermögen
1. Immaterielle Vermögenswerte 200.000 € 200.000 €
2. Sachanlagen 6.100.000 € 5.500.000 €
davon stillgelegt 100.000 € – 100.000 €
3. Finanzanlagen 500.000 € – 500.000 €
Umlaufvermögen 3.000.000 € 3.000.000 €
Abzugskapital
Erhaltene Anzahlungen 300.000 € – 300.000 €
Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen (Lieferantenkredite) 600.000 € – 600.000 €
Summe 10.800.000 € 7.200.000 €

Nimmst du einen marktüblichen Zins von 5 Prozent p.a., ergeben sich kalkulatorische Zinsen in Höhe von 360.000 € (7.200.000 € * 5%).

4. Restwertmethode

Diese Methode ermöglicht einen besseren Vergleich zwischen Investitionskosten und alternativen Geldanlagen. Die Frage: Wie viel Zinsen könntest du erhalten, wenn du eine Maschine oder eine andere Anlage nicht kaufst und stattdessen dein Geld bei der Bank anlegst? Dafür errechnest du die Verzinsung für das durchschnittlich durch deine Investition gebundene Kapital:

Die Ausgangswerte

Anschaffungskosten: 50.000 €
Nutzungsdauer: 8 Jahre
Restwert: 2.000 €
Marktzins: 5%

Bei der Restwertmethode kannst du auch die jährliche Abschreibung berücksichtigen. Diese Berechnung zeigt, welche Zinsen sich erzielen lassen, wenn die Maschine verkauft und der Erlös alternativ am Geldmarkt angelegt werden würde.

Zeitraum Durchschnittlich gebundenes Kapital Zinsen bei 5%
Jahr 1 (50.000 € + (50.000 € – 6.000 €)) / 2 = 47.000 € 2.350 €
Jahr 2 (44.000 € + (44.000 € – 6.000 €)) / 2 = 41.000 € 2.050 €
Jahr 8 (8.000 € + (8.000 € – 6.000 €)) / 2 = 5.000 € 250 €

Berechnen kannst du allerdings nur die Zinsen für jeweils ein Jahr. Gibt es verschiedene Zinssätze innerhalb der Nutzungsdauer, musst du diese Berechnung entsprechend oft wiederholen.

5. Durchschnittsmethode

Konstante Werte erhältst du, wenn du die Zinsen für das durchschnittlich gebundene Kapital über die gesamte Laufzeit berechnest:

Anschaffungskosten / 2 * Marktzins = kalkulatorischer Zins

Für unser Beispiel sieht es dann so aus:
50.000 € / 2 * 5% = 1.250 €

Die kalkulatorischen Zinsen betragen also 1.250 € pro Jahr.

Verschiedene Wege zur Ermittlung kalkulatorischer Zinsen

Kalkulatorische Zinsen lassen sich auf verschiedenen Wegen ermitteln. Dafür musst du genau den Zweck der Berechnung kennen. Bei der Kalkulation von Preisen für deine Produkte oder Dienstleistungen solltest du zuerst deine erwartete Rendite oder zumindest den vergleichbaren Zinssatz für Fremdkapital ansetzen. Kannst du deine Preisvorstellungen am Markt nicht durchsetzen, so lohnt es sich, die Verzinsung des betriebsnotwendigen Kapitals zu ermitteln und diesen Zinssatz zu berücksichtigen. Bei Investitionsentscheidungen dagegen ziehe den kalkulatorischen Zinssatz der Restwert- oder der Durchschnittsmethode heran.